Einmal im Jahr lassen wir es uns nicht nehmen, Freunde und Bekannte zu einer kleinen Jagd einzuladen. Dabei schwanken unsere Jagden immer zwischen Genie und Wahnsinn. Die wenigen handtuch-großen Dickungen die wir haben, stehen in ständiger Konkurrenz zu den einladenden Einständen jenseits der Grenze unseres Reviers. Dennoch können in ihnen immer ein paar Sauen oder sogar Rotwild stecken. Häufig aber auch nicht. Und so kann es vorkommen, dass wir mit nur wenigen Gewehren ordentlich Strecke machen, oder aber Schneider nach Hause gehen. Letzteres passierte aufgrund Dauerregens im Jahr zuvor. Doch wie würde es dieses Jahr ausgehen?
Wenigstens das Wetter versprach gutes: Das Thermometer hatte die Null gerissen. Nur leichte Wölkchen bedeckten den Himmel. Eine dünne Schneedecke machte sich breit. Fast Kaiserwetter. So konnte es losgehen. Wie immer klingelte auch an diesem Morgen noch das Telefon und verkündete letzte Absagen. Letztendlich fanden sich 18 Schützen am Dorfgemeinschaftshaus ein. Freudiges Hallo allerorten. Aufbruch zur Jagd.
Es geht los
Als erstes Treiben war wie immer der Kopf hinter dem Dorf vorgesehen. Seit nun drei Jahren steht dieser immer als erstes auf dem Programm und immer in der gleichen Gangart: Eine kleine Fichtendickung auf der Nordseite galt es zuerst leise anzurühren, um dort steckendes Wild ins eigentliche Treiben zu drücken. Dann würde die Treiberwehr auf die Südseite schwenken. Die ersten hundert Meter dort sind die ganz heißen. Hohe Fichten mit Brombeerunterwuchs. Schon oft hatten hier Sauen gesteckt.
Wie schon in den beiden Jahren zuvor kam mir die Aufgabe zu, die Treiberwehr zu führen. Die Jagden zuvor hatten gezeigt, dass ansonsten nicht so getrieben wird, wie es unsere Pläne eigentlich vorsahen. Also zierte mich an diesem Morgen eine auffällige Straßenbauer-Signaljacke. Und anstelle eines Gewehrs hielt ich einen Haselnussknüppel in den Händen. Um dann aber doch nicht gänzlich unbewaffnet dazustehen, hatte ich mir von Freund Christoph noch Revolver und Saufänger ausgeliehen. Allerdings hoffte ich, weder das eine noch das andere benötigen zu müssen. Denn ein Experte bin ich weder im Umgang mit der kurzen, noch im Abfangen. Aber sicher ist sicher.
Nachdem ich noch eine Schützenkette abgestellt und eingewiesen hatte, sammelte ich also - schon ziemlich außer Atem - die Treiberwehr ein. Nach einer gefühlten Ewigkeit klingelte dann mein Handy. Auch mein Vater hatte seine Schützen in Position gebracht. Alles stand. Alles bereit. Nun los.
Die Fichtendickung war schnell durchkämmt, ohne dass Wild in Anblick gekommen wäre. Vor zwei Jahren steckten hier zwei Stück Rotwild. Aber die geschossenen leben halt nicht mehr. Und das Hauptaugenmerk lag ohnehin auf dem nun kommenden Südhang. Während wir das Treiben außen umschlagen, um dort hin zu kommen, muss ich meine Treiber ein wenig zur Eile animieren. Für muntere Schwätzchen würde später noch Zeit sein.
Es wird heiß
Langsam stieg die innere Anspannung. Binnen der nun folgenden zwanzig Minuten, würde über einen nicht unerheblichen Teil des heutigen Jagderfolges entschieden werden. Die vor uns liegenden Brombeerhecken waren bei diesem Wetter eine sichere Bank. Wenn hier nichts lag, insbesondere Sauen, dann wohl nirgendwo.
Gleichwohl: Schritt für Schritt wurde getan, Ruf um Ruf erschallte. Nichts passierte. Die Hunde jagten bereits weit vorne im Hang, allerdings dem Vernehmen nach an Rehwild. Langsam stiegen Zweifel in mir auf. Schließlich hatten die Hunde die heiße Passage bereits einmal durchstöbert. Nun, es half ja nichts. Weiter im Programm. Insgesamt kamen wir nur schleppend voran. Die Treiber tiefer im Hang hatten doch schwer mit den Brombeerranken zu kämpfen. Bald wurde es dann eisige Gewissheit. Die Treiberkette hatte nun die letzten Fichten erreicht. Die Brombeeren begannen sich zu lichten. Dahinter steht ein schmaler Streifen Eichenwald an den sich mittlerweile recht lichte Buchenrauschen anschließen. Unter den Eichen hatten Sauen den Waldboden um meinen Onkel herum, der dort als Schütze postiert war, offensichtlich nur wenige Stunden zuvor komplett verbrochen. Aber gesteckt hatten sie sich nicht.
Kochende Brombeeren
Kochende Brombeeren
Ein weiterer Schritt nach vorne. Plötzlich begannen die Brombeeren zu kochen. Auf den letzten fünf Metern quollen auf einmal Wildschweine aus den Ranken hervor. Für einen Moment verharrte ich wie elektrisiert. 5, 8, 12, "SAUEEEEEEEEEEN! SAUEEEEEEEEEN NACH VORNE!!!" Die Rotte passierte meinen Onkel. Der erste Schuss für diesen Tag hallte durch den Wald. Die Rotte drehte daraufhin über die Höhenkante ab. Nun mussten die nächsten Schüsse fallen, denn genau dort war der nächste Schützenriegel postiert. Würden sie diese Richtung halten, dann müssten sie mindestens vier weitere Schützen passieren. Ich wollte mit den Treibern nun zügig weiter. Druck aufbauen. Doch die meisten hingen noch immer 20-30 Meter zurück. Auch die Hunde waren nicht da. Suboptimal, sehr suboptimal. Aber das ließ sich nicht ändern. Viel mehr störte mich, dass keine weiteren Schüsse fielen. Erst als alle Treiber wieder auf einer Höhe waren und wir das Treiben wieder aufnehmen konnten, knallte es einmal ganz am Ende des Treibens. Es schien so, als wäre eingetreten, was nicht passieren darf: Die Rotte musste wohl unbeschossen durch das Treiben gewechselt sein und ungesprengt einem Schützen an der Stirnseite gekommen sein. Blöder Mist.
Aber Pustekuchen. In den Buchenrauschen kam auf einmal ein Teil der Rotte wieder zurück, auf uns zu. Kaum hatten sie uns spitz, drehten sie auch wieder in wilder Flucht ab. Erneut fielen Schüsse. Na also.
Umso ernüchternder war das Ergebnis: Alle vier Schützen, denen Sauen kamen hatten souverän vorbeigeschossen. Mit den zur Verfügung stehenden Hunden durchgeführte Kontrollsuchen blieben erfolglos.
Nix auf der Strecke
Gleiches galt für die beiden folgenden Treiben. Im Treiben Nummer zwei kam den Jägern bis auf Rehwild gar kein Wild vor die Gewehre, obwohl um die Dickungen herum enorm viel verbrochen war. Hier hatten die Sauen aber als Einstand dann doch die überwucherten Windwurfflächen jenseits der Grenze bevorzugt - ich hätte es wohl genauso getan. Das dritte Treiben war eine reine Tortur. Wegen der Kontrollsuchen war die Mittagspause für mich ausgefallen. Hungrig, durstig und mit durchnässten Klamotten musste ich mich durch den dichten Steilhang quälen. Da bei den übrigen Treibern langsam Kräfte und Motivation schwanden, wurde es nicht unbedingt einfacher, den Hang geregelt durchzutreiben. Die Brombeerranken schlangen sich wie die Tentakel eines Kraken um meine Beine, bohrten ihre Stacheln in Knie und Oberschenkel, ließen mich stolpern, fallen, aufstehen, weitermachen. Die Schützen blieben konsequent: Ein Reh und ein Hase entgingen ihrem Schicksal. Meine Hose hingegen ging dem ihren entgegen: Völlig zerrissen war sie am Ende. Und ich war es auch.
Treiberleiden
Treiberleiden
Umso erzürnter war ich von dem mich dann erreichenden Anruf. Die Chefs hatten sich darauf verständigt, noch spontan ein viertes Treiben in Angriff zu nehmen, das so zunächst nicht geplant war. Schließlich wolle man nicht ohne Beute nach Hause gehen. Ja Leute! Es war ja nicht die Schuld der Treiber, wenn die Jäger draußen ihre Chancen nicht nutzen. Wir waren alle geschwitzt, nass und erschöpft. Ehrlich: Manch' Jagdherr müsste wohl selber noch mal einen Tag in der Treiberwehr verbringen, um das nachzuvollziehen können. Es ging nicht darum, dass der als viertes Treiben ins Visier genommene Kopf nicht erfolgversprechend gewesen wäre. Aber irgendwann ist einfach Schluss. Aber Ober sticht Unter, hieß es schon bei der Bundeswehr.
Entsprechend madig nahmen wir Aufstellung im Hang. Allein dessen Erklimmen glich einer Tortur. Die Muskeln waren nicht mehr willens, die Lunge lieferte keine Luft mehr. Dann ging es nach vorne zu den Schwarzdornhecken, in denen sich die Sauen so gerne aufhalten. Ewigkeiten passierte wieder nichts. Als wir die Böschung mit den Hecken erreicht hatten, war noch immer nichts passiert. In einem letzten Akt der Verzweiflung nahm ich diese letzte Herausforderung an. Unter den Schwarzdornen war kein Durchkommen. Aber die Hanglage ermöglichte es, über die Äste hinwegzusteigen. Jedenfalls teilweise. Mit jedem dritten Schritt brach ich in das Gewirr aus stacheligen Zweigen ein. Um die Hose war es eh geschehen, so what. Irgendwann stand ich recht mutterseelenalleine in der Hecke. Nach links hinweg war es etwas lichter. Unter mir schien nichts zu liegen. Also wendete ich mich dorthin. Da fielen Schüsse. Zunächst einer. Dann ein weiterer. Schließlich nochmals drei.
Glückliches Ende
Glückliches Ende
Wieder hatten sich die Sauen bis aufs letzte gedrückt. Dann aber wurden sie doch locker. Schütze eins fehlte. Doch zwei und drei nutzten Gott sei Dank endlich ihre Chance. Zwei Sauen lagen.
Es folgte unser definitiv immer erfolgreichster Jagdteil: Das Schüsseltreiben. Hunsrücker Kartoffelwurst mit Kraut und Rippchen - etwas besseres kann es nach einem langen, kalten Jagdtag gar nicht geben. Einfach wunderbar, mit Familie und Freunden einen Jagdtag so ausklingen zu lassen. Ein Horridoo, ein Horriidoooooo, ein Waidmansheil....
Fazit
Fazit
Unsere Pläne und Ideen waren nicht so verkehrt. Wir sind mit unserem Jagderfolg vom Wetter abhängig - und von der Schießleistung der Jäger. Letztere war dürftig dieses Mal. Wir bekamen zwei Sauen. Es hätten mindestens vier sein müssen. Und es hätten acht sein können. Nicht auszudenken. Treiben Nummer eins funktioniert. Eventuell müssen wir an einer Stelle darüber nachdenken, einen weiteren Schützen zu stellen. Treiben Nummer zwei war eine Enttäuschung. Erneut. Das ist insgesamt ein großes Rätsel, weil es hier eigentlich ins Herz unseres Reviers geht. Treiben Nummer drei war auch eher mager und ist sehr schwierig zu bejagen. Dieses sollte zur Disposition gestellt werden. Treiben Nummer vier muss ins Fixprogramm, weil wir dort nun schon regelmäßig zu Erfolg gekommen sind. Wir werden sehen, was nächstes Jahr passiert. Was jedenfalls bleibt sind zwei Sauen, eine Menge neuer Erfahrungen, eine zerissene Hose und eine richtig dicke Erkältung. So muss das sein.
Mehr Jagderlebnisse
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3 Kommentare:
WMH zur schönen Jagd und auch den Erlegern, hier hat sich bewährt Jäger die an den Treibern rummosern für die nächste Jagd einen Platz in der Treiberwehr zu geben. Viele erdet es mal wieder und lässt sie das Ganze realistischer angehen.
Gegen die Erkältung (und sicher auch etwas Muskelkater) hilft ein Rheubalminbad, der Kampfer macht die Atemwege frei, danach ein guter Schluck Kräuter und ab ins Bett, am nächsten Tag kanns dann auch wieder zur Jagd gehen. ;)
Waidmannsdank. Gemosert hat ja niemand. Nur das vierte Treiben sollte dann noch gemacht werden. Zum Glück, wie sich heraus gestellt hat. Und ausserdem bleiben jegliche Verstimmungen innerhalb der Familie und waren auch spätestens nach dem ersten Schluck Bier nach der Jagd vollständig vergeben und vergessen. Gehört irgendwie auch alles dazu. Davon lebt das Ganze.
Mittlerweile ist die Erkältung auch schon langsam am verfliegen. Aber das Rheubalminbad werde ich mir merken. Die nächste jagdbedingte Erkältung kommt bestimmt.
Gruß und WaiHei!
Tja... so ist halt die Jagd. Alles kann nichts muss.Bei unserer Jahresabschlussjagd habe ich auch gleich 2x vorbeigeschossen. Aber solange überhaupt was in Anblick kommt ist das doch absolut in Ordnung. Wenn man gar nichts sieht ist es doch langweilig. Beim Ansitz kann man die Natur genießen, aber bei den Drückjagden muss man doch konzentriert sein...
Waidmannsheil zur Strecke-
Gruß der junge Schwede
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