Donnerstag, 4. November 2010

Vorbei...

Es sind entbehrungsreiche Wochen und Monate für mich gewesen, in denen nur wenig Zeit für anderes war. Auch deswegen herrschte hier lange Zeit Ebbe. Zwar war ich gelegentlich draussen. Doch waren es in erster Linie vereinzelte Verzweifelungsansitze, die mein jagdliches Handeln während der Vorbereitung auf das Staatsexamen bestimmten. Dementsprechend erfolglos waren diese Unterfangen auch gewesen. Das sollte sich nun wieder ändern.

Absolutes Kontrastprogramm. Wenige Stunden zuvor hatte ich noch bei 26 Grad am Strand von Fuerteventura gelegen, die Sonne und den Ausblick auf den azurblauen Atlantik genossen. Und nun saß ich im dunklen, tiefherbstlichen Hunsrück. Geht mehr Unterschied?


Zu meiner Freude ergab der erste Ansitz seit langem, dass ich noch nicht alles verlernt hatte: Ich konnte zwei Füchse verhaften, die - eigentlich schon eines anderen Weges ansinnig - dem Mäuseln meiner Lippen offenbar nun gar nicht widerstehen konnten. So hätte es weitergehen können.

Gleichwohl musste ich beim Eintrag dieses Ereignisses in mein Schußbuch feststellen, dass ich dieses Jahr noch kein Wildschwein habe erlegen können. Dabei war ich der Meinung, dies wäre mir wenigstens am Anfang dieses Jahres geglückt. Und eigentlich bin ich doch noch ein paar Tage zu jung, um an geistigen Ausfallerscheinungen zu leiden. Doch da stand es. Schwarz auf weiß. Beziehungsweise: Gerade nicht.

Daran - so meine Einschätzung zu diesem Zeitpunkt - würde sich wohl auch an jenem Wochenende kaum etwas ändern. Schliesslich hatte der Mond sein Erscheinen bereits tief in die zweite Nachthälfte verlagert. Und ich sah es überhaupt nicht ein, meine gerade erst wiedergewonnene Erholung ohne Not auf dem Altar des Waidwerks zu opfern.

Da kam es gerade recht, dass wir von einigen Stücken Rotwild Wind bekamen, die sich im Revier aufhalten mussten. Unser Vorteil: Im Prinzip gibt es dort nur eine Dickung, die Sauen und Hirsche annehmen. Diese wird flankiert von zwei Leitern am Dickungsrand, herrlich gelegen unter hohen, im Moment prachtvoll bunten Buchen. Und so war der Plan schnell gemacht: Einer links, einer rechts - einem würden sie kommen.

Früh kam ich in den Wald. Die gerade erfolgte tzeZeitumstellung brachte es mit sich, dass man wirklich früh vor Ort sein musste, wenn man Erfolg haben will. Im Wald sogar nochmal früher als an den Wiesen. So hatte der Stundenzeiger der Uhr noch nicht ein zweites Mal die vier des Tages gestreift, als ich auf meiner Leiter Platz nahm. Die sich draussen dem Horizont nähernde Sonne brach sich wiederkehrend an den Baumstämmen. Jedem Windesrauschen folgte ein zweites von den herabsegelnden Blättern. Die Luft roch feucht, moosig, erdig. Fuerteventura war schlagartig vergessen.

Doch blieb mir kaum Zeit, um die Stimmung zu geniessen. Denn plötzlich ging ein Rascheln durch die Dickung, für welches ich zunächst den Wind verantwortlich machte. Als es wiederkehrte merkte ich jedoch, dass der hierzu notwendige Windstoß fehlte. Und als sich zu dem Rascheln, das sich allmählich zu einem Rauschen ausweitete, auch noch das untrügliche Knacken kleiner Ästchen hinzugesellte, schoß diese vertraute Gewissheit wie ein Blitz durch meinen Körper, die einen für den Bruchteil einer Sekunde erstarren lässt und dann das ganze Bewusstsein in Hab-Acht-Stellung bringt: Oha!

Mir war auch schlagartig klar, was passiert sein musste. Offenbar hatte mein Vater auf den vom Laub zugewehten Pirschwegen weniger Glück gehabt als ich und es nicht geschafft, sich lautlos bis zu seiner Leiter vorzupirschen. Dies hatte offensichtlich Bewegung in die Dickung gebracht. Ich griff zum Fernglas, um den an meiner rechten Seite zunächst nach vorne springenden Dickungsrand, der nach 150 Metern nach rechts abknickt, im Blick zu halten. Das Rauschen, von dem ich noch immer nicht wusste, ob sich dahinter Rotwild oder Sauen verbargen, hatte sich wieder entfernt. Doch dann konnte ich etwas sehen. Ein schwarzer Klumpen huschte an der rechts vor mir liegenden Ecke der Dickung durch die unzähligen Stämme hinfort. Und noch einer. Der Blick durch das Fernglas beseitigte den letzten Zweifel: Eine dritte Wutz machte es den anderen gleich.

Nun war der Griff zum Gewehr zwingend. Und dann begann das Gestochere mit dem Fadenkreuz im Nebel der Baumstämme. Die Sauen schickten sich an, in 120 Metern Entfernung an meinem Sitz vorbeizuziehen. Was sich nach einer Chance auf dem Präsentierteller anhört, erwies sich in dem doch dichten Baumbestand als komplizierte Situation. Umgefallene Buchen, Gestrüpp und Geländeunebenheiten taten ihr übriges. Große Sau, Baum, Sau, Baum, Lücke, Baum, Sau, Baum.... Alles ging unglaublich schnell.

Plötzlich ragte die vordere Hälfte einer prima passenden Wutz hinter einem Stamm hervor. Ich zog das Absehen aufs Blatt und schoß.

Während der Schuß durch den Wald hallte, herrschte für einen Wimpernschlag lang Stille. Die Szenerie schien wie eingefroren. Mit dem Rückschlag hatte ich meine Beute aus den Augen verloren - ein denkbar schlechtes Zeichen (...ohne Zeichnen...). Dann brach die Rotte hinfort, aus dem offensichtlich unsicheren Wald hinaus auf die grüne Wiese in die untergehende Sonne.

Und ich? Ich saß etwas benommen von dem eben Erlebten auf meinem Sitz. Mein Herz pochte noch. Ein gewaltiger Anblick. Sauen im Hellen. Auf dem Ansitz für ein uns ein eher seltenes Glück. Doch langsam machten sich erste Zweifel breit. Zwar war ich gut drauf in dem moment, als der Schuß brach. Dennoch ging alles sehr schnell. Sehr hektisch. Vielleicht zu schnell? Zu hektisch?

Nach einer Weile hielt mich nichts mehr auf dem Sitz. Ich musste Bescheid wissen. Ausserdem war es noch hell genug, um rechtzeitig eine eventuelle Nachsuche aufzunehmen. Doch am Anschuss begannen sich meine Zweifel zu bestätigen. Die Sauen hatten eine untrügliche Furche in den Blätterwald am Boden gezogen. Der Anschuss war gut zu finden, da es nur wenige vergleichbare Lücken gab. Aber ich fand: Nichts.

Auch eine Kontrolle mit dem Hund blieb ohne Erfolg. Am nächsten Morgen machte ich mich auf, um ein weiteres Mal alles genau in Augenschein zu nehmen. Doch auch hier ergaben sich keine Anzeichen für einen Treffer. Offenbar war mir der zweitbeste Schuß "gelungen".

Ich könnte mir jetzt noch in den Hintern beissen. Aber so ist es nunmal. Wahrscheinlich habe ich in der Hektik der Situation das saubere Abziehen vergessen und den Schuss verissen. Gestern bin ich mit dem Gewehr auf dem Schießstand gewesen. Der merkliche Hochschuß war zwar sicherlich nicht der einzige Grund, dürfte aber auch keine große Hilfe gewesen sein.

Egal wie: Vorbei ist vorbei. Einerseits. Vorbei bedeutet aber auch einen Neuanfang. Klingt jetzt reichlich  kitschig, nicht? Stimmt aber. Jedenfalls, soweit ich ab sofort endlich wieder mehr Zeit für's Jagen und Seite finden werde. Ich bin wieder da, es geht wieder los.


7 Kommentare:

Stoner hat gesagt…

Schön wieder von dir zu lesen. Dachte schon, du hättest aufgehört.... ;)

Ich hoffe mal das Staatsexamen ist gut gelaufen.


Gruß
Stoner

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Das weiß leider niemand so genau. Erst im Februar gibts Ergebnisse. Bis dahin hab ich aber wenigstens wieder etwas mehr Zeit.

Grüße und W@idmannsheil!

Anonym hat gesagt…

Ich drück´ Dir die Daumen!!!

Viele Grüße!

hem

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Vielen Dank und viele Grüße zurück!

Kai Pleuser hat gesagt…

Auch wir drücken die Daumen und freuen uns auf weitere Beiträge eines wertvollen Mitstreiters. Kai Pleuser und das Team von jaeger-im-dialog.de

Christian hat gesagt…

Freut mich, endlich wieder was hier zu lesen! Ich verfolge mit Begeisterung deine Artikel und bin auf weitere spannende Geschichten gespannt! Viel Glück bei den Examen. ;)

Grüße von einem Jungjäger in Ausbildung, der sich auf jede Jagderfahrung die er mitnehmen kann freut.

Christian

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Und nochmal ein herliches Dankeschön!

Kommentar veröffentlichen