"Demnächst schießen wir noch Krokodile", merkte mein Opa trocken an. Mein Vater schaute immer noch leicht ungläubig. Und auch ich konnte das geschätzte 32. Kopfschütteln nicht unterdrücken. Irgendwie verständlich: So etwas war noch niemandem in unserem Revier geglückt - obwohl unsere Familie dort schon seit fast 50 Jahren auf die Jagd geht. Diana, Artemis oder der Heilige Hubertus: Irgendwer schien einen Narren an mir gefressen zu haben in diesen Tagen. Vielleicht war es im Kontext der Metaphysik auch mit einem anderem Phänomen zu erklären: Bekanntlich sch**** der Teufel immer auf den größten Haufen - Verzeihung, aber besondere Ereignisse rufen manchmal nach drastischen Worten. Aber von Anfang an...
Die zwei Frischlinge, die ich Tags zuvor erlegen konnte, hatten meinen Jagttrieb erst so richtig wieder auf Trab gebracht. Daran konnte selbst das schlechtest-denkbare Novemberwetter nichts ändern. Ganz im Gegenteil! Irgendwie und aus unerklärlichen Gründen hatte ich Bock auf kalten, nassen, tropfenden Herbstwald. Seltsam, nicht wahr?Andererseits wollte ich mich auch nicht mehrere Stunden dem strömenden Regen ungeschützt aussetzen. Auf eine satte Erkältung und permanentes Trockenwischen von Fernglas und Zielfernrohr konnte ich nämlich verzichten. Außerdem erwartete ich, dass das Wild sich an diesem trüben Tag eher im Wald zeigen würde. Ich entschied mich daher auf die so genannte Waldschneise zu gehen. Der Name ist nicht wirklich originell, ich weiß. Aber er trifft es. Eine Schneise im Wald. 200 Meter lang. 30 Meter breit. Dickungsnah und jagdlich eingerichtet mit einer geräumigen Kanzel. Der Wind passte auch. Optimal.
Kaum war dieser Plan entworfen, musste ich auch schon los. Schließlich war es kurz nach 15 Uhr. Und an dieser Stelle würde das Wild wohl relativ früh erscheinen. Da dieses Wochenende ganz und vollkommen der Jagd gewidmet war, konnte ich zum Glück in ein fertig gepacktes Auto einsteigen. Auch im Revier herrschte derbes Regenwetter. Großwetterlage also. Mir war's egal. Mehr noch: Auf dem feuchten Boden und durch die Geräuschkulisse des tropfnassen Waldes kam ich enorm gut und sehr leise voran. Rückblickend ein ganz entscheidender Faktor.
Nähert man sich der Kanzel, kann man durch die Streben und einige Büsche hindurch einen ersten vagen Blick auf die Schneise werfen. Und der offenbarte einen verschwommenen braunen Fleck. Tatsächlich war also schon Betrieb. Nun galt es, möglichst lautlos die Leiter hinauf zu gelangen, um das Stück Rehwild nicht zu stören. Nach den ersten vier Leitersprossen nahm ich eine Bewegung links von mir wahr: 15 Meter entfernt schauten drei Stück Rehwild etwas ungläubig dabei zu, wie sich ein grün-braunes 110-Kilo-Tönnchen elfengleich in die Höhe erhob. Glücklicherweise erkannten sie nicht, was da tatsächlich passierte. Und so sprangen sie ab, ohne zu schrecken. Nach weiteren fünf Leitersprossen hatte ich einen unverhinderten Blick auf die Schneise. Dieser offenbarte einerseits, dass das auf der Schneise äsende Stück dort immer noch stand. Und andererseits, dass es sich angesichts der Größe unmöglich um ein Stück Rehwild handeln konnte! Oh Mann.... Jetzt doppelte Vorsicht. Rotwild ist ja so unfassbar sensibel...
Ich schaffte es, lautlos auch den Rest der Leiter zu erklimmen. Ich beschloss, keine Fisimatenten zu machen: Also Ansprechen direkt durchs Zielfernrohr. Der erste Blick offenbarte zwei Geweihstänglein, nur knapp über lauscherhoch. Ein passender Schmalspießer! Na, jetzt aber ran an die Buletten!!! Nur: Warum hatte der Spießer einen so hellen Bauch? Und warum zum Geier war er darüber hinaus so dunkel? Und was war das für ein seltsamer, langer, schwarzer Wedel? Sch.....!!! Jetzt dämmerte es mir. Kein Rot- sondern ein Damspießer stand da vor mir.
Damwild kommt bei uns im Revier eigentlich nicht vor. Letztes Jahr war meinem Vater ein Tier mit zwei Kälbern während der Schonzeit gekommen. Auf der Drückjagd am Tag zuvor beim benachbarten Forstamt war auch spontan noch Damwild freigegeben worden. Sie sind also bei uns nicht völlig fremd. Aber ich hatte noch nie ein Stück gesehen. und in all' den Jahren, in denen wir die Jagd gepachtet haben, ist noch nie ein Stück Damwild zur Strecke gekommen.
Das stellte mich nun unweigerlich vor ein Problem: Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, ob wir Damwild zum Abschuss beantragt hatten. Normalerweise wäre diese Frage klar mit Nein zu beantworten gewesen. Nur wusste ich, dass wir im Jahr zuvor nach der Begegnung meines Vaters welches freibekommen hatten. Aber: Das war letztes Jahr. Und heuer? Ich hatte keine Ahnung.
Nun folgt ein ein Hohelied auf die modernen Kommunikationsmittel. Erstens gibt es kein Jagdsignal "Haben-wir-einen-Damhirsch-frei", zweitens kann ich gar kein Jagdhorn blasen, drittens hätte der Spießer vor mir das Horngeschmetter nicht ausgehalten, viertens war mein Vater gar nicht im Revier. Lediglich mit Jagdhorn ausgerüstet wäre ich daher wohl Schneider nach Hause gegangen. So schrieb ich meinem Vater, der auf einer Beerdigung war, eine SMS: "Dringend melden. habe damspießer vor. schießen?". Die nachfolgenden Minuten zogen sich Ewigkeiten hin. Endlich vibrierte das Handy in der Jackentasche. Wortlos hob ich ab. "Hast Du geschossen?". "Nein", raunte ich in den Hörer. "Schieß!"
Also griff ich ein zweites Mal zum Gewehr. Zwischenzeitlich hatte der Damhirsch, der zuerst recht nah vor mir gestanden hatte, damit begonnen, äsend von mir weg zu ziehen. Es lagen nun schon gut 100 Metern zwischen uns. Unbeirrt bewegte er sich die Schneise entlang nach hinten hinfort. Zupfte hier und da ein Blättchen, machte jedoch keine Anstalten, mir die Möglichkeit eines Schusses zu bieten. Immer wieder beschlug das Zielfernrohr. Ewigkeiten saß ich dort und wartete auf meine Chance. 130 Meter. Langsam fürchtete ich, es könnte nichts mehr werden. Da drehte er sich und bleib am Platz.
Immer noch ist die Verwunderung groß. Niemand weiß so recht, wo der Spießer herkam. Fakt ist, dass man im angrenzenden Staat Tags zuvor Damwild freigegeben hatte. Demnach musste dort Damwild gespürt worden sein. Wahrscheinlich hat es ihn am Tag der Jagd herübergedrückt. Auch weitere Reviere mit Damwildvorkommen in der Nähe hatten in diesen Tagen gejagt. Vielleicht ist er auch aus einem Gatter ausgebrochen. Wer weiß?
Auf der Jagd erlebt man beständig Kapriolen. "Unverhofft kommt oft", "Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt" und "Jagd ist immer anders" sind gern und oft bemühte Sätze. Bessere fallen mir aber beim besten Willen zu dieser Geschichte nicht ein. Unglaublicher wäre tatsächlich nur noch das Schießen eines Krokodils. Oh Mann.





4 Kommentare:
Wenns läuft, läufts halt! Waidmannsheil mein Freund.
Waidmannsdank!
- Die zwei Frischlinge, die ich Tags zuvor erlegen konnte, hatten meinen Jagttrieb erst so richtig wieder auf Trab gebracht. -
Klingt wie Blut geleckt oder die "Sucht" nach mehr.
Bonjour monsieur,
je regrette que je n'aie rien entendu de vous depuis si longtemps...
Da ich in den Wochen zuvor so gut wie gar nicht draussen war, brachte dieses Jagderlebnis tatsächlich wieder neuen Schwung in mein jagdliches leben. "Blut geleckt" trifft es in der Tat ganz gut. Dass ein Tierschützer sich so in mich hineinversetzen kann... Erstaunlich.
Waren übrigens zwei prima 25-Kilo-Frischlinge: Population eingedämmt, was gegen die Schweinepest getan und wenn man erst daran denkt, was mit den beiden veranstalten könnte! Delikat!!! Äußerst delikat!!! Beide hatten genau die richtige Größe, um sie im ganzen übers Feuer zu hängen. Boah, wie bei den Galliern. Und dass auch noch "voll öko". Genial. Das macht einfach in der Tat Lust auf mehr.
Ich kann's nicht leugnen...
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