Montag, 3. Mai 2010

Einen Bock, den schieß ich gern...

"Heute abend schnackelt's!", meine ich zu meiner Freundin, während sie mich über die Hügel im tiefsten Hunsrücks kutschiert.

"Ja?".

Etwas abwesend und wenig interessiert klingt die Frage. Wer kann es ihr verdenken? Das gesamte erste Maiwochenende stand bis dato vollkommen im Zeichen der Jagd, die bis zu diesem Zeitpunkt wenig erfolgreich gewesen war. Dieser Punkt freilich bereitete wenig Anlass zur Sorge, da doch die Jagdsaison gerade erst begonnen hatte.

Ein bisschen doof war es allerdings schon, dass ich erst wieder nach Trier fahren musste, um dort in mein Auto umzusteigen und wieder retour zu machen. Aber das hat man davon, wenn man sich vornimmt, am Sonntag abend noch etwas zu arbeiten und gemeinsam mit nur einem Auto wegfährt. Eigentlich war es ja klar dass der Drang nach Wald und Jagd doch stärker sein würde. Nunja. Die 50 Kilometer würden mich aber nicht umbringen. Und ich war gut in der Zeit. Noch immer stand die warme Maisonne hoch am Himmel, als ich ante portas augusta treverorum war.

Es gibt Tage, da passt einfach alles zusammen. Und so hat man es dann einfach im Blut, dass es sich heute lohnen würde, auf die Pirsch zu gehen. Jeder Tag ist Jagdtag - aber nicht jeder Tag ist Beutetag!? Manchmal eben doch.

Mein gutes Gefühl wurde noch besser, als sich auf der Fahrt zurück aus den dünnen Wolken über meinem Kopf ein heftiger Regenschauer entlädt. Wie oft sucht man auf der Jagd nach Regelmäßigkeiten im Verhalten des Wildes? Wie oft wird man dabei enttäuscht! Meistens kann man sich eben doch nur darauf verlassen, dass Ausnahmen die Regel bestätigen und dass unverhofft eben oft kommt. Einzig bei kurzen kräftigen Schauern an warmen Tagen kann man sicher sein, Wild zu sehen: Nach meiner Erfahrung treibt keine andere Wetterlage so zuverlässig das Wild aus dem Wald.

Bei meiner Ankunft im Revier hatte es aufgehört zu regnen. Regenbäche flossen die Feldwege hinab. Die satten Wiesen dampften leicht. Dicke Tropfen perlten von den jungen Baumtrieben auf die Erde und lösten von dort diesen wunderbaren Duft nach frischem Waldboden, der nun überall in der Luft lag. Der seichte Wind aus Südwesten hatte die Entscheidung bestärkt, mich auf die Fuchsleiter zu setzen. Was der Marienplatz für München ist, das ist die Fuchsleiter für unser Revier: zentraler Dreh- und Angelpunkt, gut zu erreichen, immer was los. Die Fuchsleiter liegt etwas über einem kleinen, seichten Wiesentälchen, dass halbinselförmig von Wald umschlossen ist und einen weiten Blick ermöglicht. Wenn man keine rechte Idee hat, wo man sein jagdliches Glück suchen soll: Die Fuchsleiter ist immer eine gute Alternative. Nicht zuletzt deswegen habe ich auf diesem Sitz bisher wohl die meisten Stunden verbracht, habe den ersten Schuß auf ein Stück Wild durch meinen Vater erlebt, habe selbst meinen ersten Fuchs, mein erstes Stück Rotwild und in Sichtweite meinen ersten Bock erlegt. Ob es heute abend wieder klappt?



Das feuchte Gras ermöglichte einen problemlosen und leisen Anmarsch, auf dem ich in einiger Entfernung in einem anderen Revierteil schon zwei Stück Rehwild sehen konnte: Hatte ich es nicht geahnt? Wenige Augenblicke später saß ich. Meine 202 geladen. Ein tiefer Atemzug. Angekommen.

Ich musste nicht lange warten, bis sich aus dem rechten Waldrand der erste braune Fleck auf die nasse Wiese schob. Noch während ich das Stück Rehwild als Schmalreh anspechen konnte, sehe ich, wie sich auch schon ein zweites Stück durch das Unterholz näherte. Ein Bock! Aber die weitere Beobachtung machte schnell klar: Es ist ein Jüngelchen. Ein ganz junger Kerl, dünner Träger, aber schon ein recht knuffiges Gehörn zwischen den Lauschern. Um den wäre es definitiv zu schade. Unbedarft - auch das spricht für die Jugend - zogen die beiden Meter um Meter auf die Wiese und zupften dabei Halm um Halm aus der von Löwenzahn gelb gepunkteten Wiese. Nach rund zwanzig Minuten war der erste Hunger offenbar gestillt. Und nachdem sich zuerst das Schmalreh nieder getan hatte, tat es ihr der junge Bock kurz darauf gleich. Just in diesem Moment erschien der dritte Besucher auf der Bühne. Besser gesagt: Die Besucherin. Eine Geiß, sichtbar beschlagen, trat aus dem Wald heraus. Ebenso wie die beiden Stücke zuvor äste sie ein wenig und legte sich dann ebenfalls in die letzten Sonnenstrahlen dieses Maitages.

Lange tat sich daraufhin nichts. Direkt links der Leiter liegt ein schmales Feld Mais, auf dem ein Paar Ringeltauben unschlüssig über die ersten Triebe hin- und herwackelten. Über und unter dem Mais stand gelb-blühender Raps. Zwei Hasen wechselten einmal kurz aus aus diesem heraus, um dann aber auch sofort wieder darin zu verschwinden. Ob es an dem Rotmilan lag, der gerade über mich hinwegflog? Gerade als meine Gedanken anfingen, ein wenig abzuschweifen, sah ich unten in der Senke, wo der kleine Bach fließt, eine untrügliche Bewegung. Noch ein Stück Rehwild! Noch ein Bock!!! Tief trug er sein Haupt, dass ansatzlos in den dicken Träger übergeht. Der war definitiv nicht jung! Ein kurzer Adrenalinstoß ließ die Aufregung in mir keimen, die aber auch bald wieder verflog: Noch lagen zwischen mir und ihm gut 220 Meter. Keine Distanz für mich zum schießen.

Das genauere Ansprechen fiel mir schwer. Er hat nach hinten liegende Stangen. Gut über Lauscher hoch. Vereckungen nicht zu sehen. Das wäre ein prima Abschussbock! Nun musste ich warten, ob er mir den Gefallen tun würde. Zwischenzeitlich waren die drei früh erschienen Stücke wieder auf den Läufen. Mit einem kurzen Blick in ihre Richtung sah ich aus dem Augenwinkel zwei weitere Rehe herannahen. Eine Geiß und ein Schmalreh. Für die hatte ich nun aber keinen Blick. Nur: Da, wo eben noch "mein" Bock stand, war plötzlich gähnende Leere. Von meinem Bock keine Spur mehr! Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder, der Kamerad war wieder in den Wald zurückgezogen, oder er kam in meine Richtung und war nur kurzzeitig im Gelände nicht zu sehen. Bange Momente. Doch plötzlich konnte ich ihn wieder erspähen. Er kam auf mich zu und äste nun an der unteren Ecke des unteren Rapsfeldes. Ich griff zum Gewehr. Weniger in der Erwartung zum Schuß zu kommen, als um die 10-fache Vergrößerung meines Zielfernrohres zum genaueren Ansprechen zu verwenden. Das Bild, dass sich mir bot, bestätigte alles, was ich schon zuvor durch das Fernglas erkannt hatte. Schießen konnte ich nicht. Denn obwohl der Bock mittlerweile auf eventuell machbare 160 Meter herangekommen war, flatterten mir ein wenig zuviel die Nerven für diese Entfernung. Ich bekam das Absehen nicht ruhig genug auf dem Blatt zum Stehen. Also setzte ich wieder ab, um noch abzuwarten.

Diese Entscheidung hätte mich fast den Jagderfolg gekostet. Denn schlagartig - und damit meine ich schlagartig - stieg am kleinen Bach in der Senke eine weiße Nebelwand senkrecht herauf und verschluckte alles, was hinter ihr lag. Gleichzeitig drückte der Wind das weisse Ungeheuer in meine Richtung, wodurch Meter für Meter des Tals und der Wiese meinem Blick entzogen wurde. Erst verschwand der Bock. Dann, nach und nach, auch die anderen Rehe auf der Wiese. Schliesslich wurde auch ich von der Nebelwand erfasst. Wie ein kalter Hauch umhüllte sie mich. Schlagartig verstummten alle Vögel. Ich konnte kaum noch zwanzig Meter weit sehen. Nun hieß es warten und hoffen. Denn erfahrungsgemäß verschwinden solche Nebelbänke oftmals genauso schnell, wie sie auftauchen.

So kam es dann auch: Nach geschätzten zwanzig Minuten merkte ich, dass ich langsam aber sicher wieder weiter sah. Stück für Stück tauchten die Konturen wieder auf. Und da! Ein erster Wildkörper war zu sehen. Noch war der Blick durch das Fernglas wenig erhellend. Doch immer schneller klarte das Wiesental auf. Und dann sah ich ihn wieder. "Mein" Bock hatte zwischenzeitlich die Nähe zum übrigen Rehwild gesucht und gefunden. Er stand keine 100 Meter entfernt von mir, leicht rechts. Ein Griff zur Waffe und ich sah, wie er weiter halbspitz nach rechts von mir wegzog - in Richtung des jungen Bockes. Offensichtlich hatte er diesen nun als Konkurrenten erkannt und wollte zeigen, wer die Hosen anhat. An einen Schuß war in dem Moment nicht zu denken.

Als er auf ca. 15 Meter an den Jüngling herangezogen war, machte er einen Satz! Der junge Bock drehte bei und suchte sein Heil in der Flucht, die glücklicherweise in meine Richtung zielte. Als er im Wald verschwand, hatte er mir seinen Verfolger wieder auf 80 Meter herangebracht. Scheibenbreit machte er halt. Alles passte! Der Bock blieb da, wo ihn die Kugel ereilte.

Es folgte das übliche Procedere. Wie schön, wenn die Jagdsaison so beginnt. Wie schön, dass Glück zu haben, sich mit Vater und Großvater gemeinsam bei einem kühlen Schluck Bier über einen gelungenen Jagderfolg zu freuen. Wie schön, die Jagd.


Ich musste leider auf das Handy zurückgreifen, weil der Kamera-Akku leer war.

7 Kommentare:

Heymvorteil hat gesagt…

Ein wirklich klasse Abschussbock mit interessanter Trophäe dazu!

Herzliches Waidmannsheil von mir.

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Waidmannsdank!

Du hast ja aber auch schon kräftig zugeschlagen, wie ich gesehen habe. Dazu: Waidmannsheil zurück!

Heymvorteil hat gesagt…

Nein, leider nicht. Ich hab nur zitiert ;)

Aber ich bin zuversichtlich für die nächsten Tage...

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Oh, da hab ich schlampig angesprochen. Dann eben Waidmannsheil für die nächsten Tage!

Dominik hat gesagt…

Waidmanns Heil! Super Bock!

doclipps hat gesagt…

Weidmannsheil zu diesem freudigen Bock.

Pünktlich zum Aufgang der Bockjagd sind wir jetzt auch mit unserem Jedermann-Kommentar des deutschen Jagd- und Waffenrechts online gegangen.

Dr. Wolfgang Lipps
JUN.i Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz

Hunsrückwilderer hat gesagt…

Waidmannsdank!

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