Stille.
Schon nach einem Schritt stehe ich inmitten einem weißen Meer aus Pulverschnee. Völlig glatt und unberührt erstreckt sich eine völlig ebene, schier nicht enden wollende Schneefläche so weit das Auge reicht.
Gehen?
Pirschen?
Waten!
Ich wate durch das kühle Weiß, das mit leichtem Druck meine Waden bis hoch zum Knie umschließt. Jegliche Bodenkonturen sind wie wegradiert und nicht mehr zu erkennen.
Ich komme nur langsam voran. Bergab muss ich. Runde sechshundert Meter mögen es sein, die mich von meiner Ansitzleiter trennen. Mit jedem Schritt wird mir bewusst, mit welchen Strapazen das Bergen eines geschossenen Stückes verbunden sein wird. Dabei ist das Leiterchen am Rexberg einer von zwei Sitzen, an denen dieses Unterfangen heute Abend überhaupt möglich erscheint. Zumindest gemessen an den bequemen Verhältnissen in einem deutschen Mittelgebirgsrevier. Diese Gedanken betreffen aber den zweiten Schritt, bevor der erste überhaupt getan ist. Dabei mache ich mir überhaupt keine allzu großen Hoffnungen, dass heute Abend tatsächlich etwas passieren könnte. Wahrscheinlich wird das Wild bei dieser Schneelage lange Wege vermeiden und nahe den Einständen im Wald nach Äsung suchen. Nun mag man meinen, dass dementsprechend ein Ansitz im Bestand mehr Sinn machen würde. Aber erstens ist keiner unserer Sitze dort erreichbar. Zweitens will ich bei diesen Verhältnissen nicht zuviel stören. Das Wild hat derzeit genug Probleme. Ohnehin. Und letztlich bin ich hauptsächlich raus, um ein Stück dieser seltenen Stimmung aufzusaugen, die solche Nächte mit sich bringen.
Nach weiteren vierzig Metern öffnet sich der Blick über die weit ausgedehnte Wiese am Rexberg. Schlagartig macht mein Herz einen Satz. Mein Pessimismus von eben schien übertrieben. Schon aus vierhundert Metern Entfernung kann ich die tiefe Furche sehen, die sich unmittelbar vor meiner Leiter weithin durch die Schneemassen zieht. Sauen! Sollte ich also doch den richtigen Riecher gehabt haben? Nun, eine absolute Überraschung ist es jedenfalls nicht. Dennoch ist im Moment weit und breit kein Wild zu sehen.
Auf meinem weiteren Weg quere ich einige Wechsel. Füchse scheinen aktiv zu sein. Kein Wunder, haben diese doch Ranzzeit. Auch einige Hasenspuren sehe ich. Diese bestehen aber nicht mehr aus einzelnen Pfotenabdrücken, sondern aus tiefen Kratern, die der Hase mit seinem ganzen Körper bei jedem Sprung in den Schnee gestanzt hat. Es ist eine beeindruckende Leistung, wie das Wild selbst mit solchen Wetterlagen fertig wird – ganz ohne Taucherbrille und Schnorchel.
Endlich habe ich die Leiter erreicht. Der Aufstieg klappt lautlos. Ich repetiere eine Kugel in den Lauf, nehme die Schutzkappe vom Zielfernrohr, schalte den Leuchtpunkt an und atme erst einmal tief durch. Ein Hustenbonbon gegen das Kratzen im Hals. Ein Blick mit dem Fernglas über die Fläche erweist sich als unnötig: Es ist taghell. Selbst schwaches Wild auf weite Entfernung wird so mit bloßem Auge sichtbar sein. Wenn es denn kommt.
Ein wenig sehnsüchtig blicke ich auf den gefurchten Sauwechsel dreißig Meter vor meinem Sitz und male mir das fantastische Bild aus, welches das Stoben der Wildschweine durch den feinen Pulverschnee geboten haben muss. Ich habe dieses Bild noch im Kopf, als ich von weit weg ein untrügliches Rumpeln vernehme, gefolgt von einem noch untrüglicherem Quieken. Eindeutig: Sauen! Auch eindeutig nicht allzu weit entfernt. Die Geräusche der brechenden Schwarzkittel kommen aus dem gegenüberliegenden Eichenbestand in circa 200 Meter Entfernung. Schlagartig macht sich ein leichtes Kribbeln bemerkbar. Sollten die Furchen vor meinem Sitz etwa erst wenige Momente alt sein? Dann hätte ich die Schweine ja nur knapp verpasst!? Andererseits sehen die Wechsel von hier oben eigentlich älter aus. Aber das ist jetzt ohnehin egal. In regelmäßigen Zeitabständen höre ich die Kameraden, wie sie nach Eicheln brechen. Anpirschen? Dafür stimmt der Wind nicht. Großräumig umschlagen würde bei dem Schnee zu lange dauern. Also Ruhe bewahren und Abwarten. Leider keinen Tee trinken – der hätte allerdings schon jetzt gut getan. Denn obwohl ich erst seit ein paar Minuten sitze, kriecht langsam schon erste Kälte über die vom Schnee angefeuchtete Hose hinauf.
Zu den gelegentlichen Geräuschen der Sauen gesellt sich das weit entfernte Bellen eines liebestollen Fuchses. Hin und wieder stimmt ein Waldkauz sein schauerliches Lied an. Darüber hinaus aber herrscht absolute Stille. Der Schnee schluckt alle Geräusche, die mangels fahrender Autos an diesem Abend ohnehin geringer ausfallen als sonst. Eine fast gespenstische und außergewöhnliche Stimmung entsteht. Das Mondlicht bricht sich tausendfach in den Schneekristallen. Der sanft dahin gleitende Boden scheint durchsetzt mit funkelnden, glitzernden Diamanten, die ihr Spiegelbild in denen am Himmel leuchtenden Sternen zu finden scheinen. Dort ziehen ab und zu leichte Wolkenschleier ihren Weg, deren kaum sichtbare Schatten wie Meereswogen über die Schneedecke hinweg rasen.
Über diesem fantastischen Szenario ist mir eine ganze Zeit lang nicht aufgefallen, dass mittlerweile auch von den Wildschweinen gegenüber nichts mehr zu hören ist. Nun schalte ich völlig ab, schlafe bisweilen kurz ein. Erst das Vibrieren des Handys holt mich wieder zurück. Das Signal zum Aufbruch.
Glücklich und zufrieden mache ich mich auf den beschwerlichen Weg nach oben. Noch nie hat mich ein Ansitz, auf dem ich nichts gesehen habe, so fasziniert.
Doch Bilder sagen manchmal mehr als tausend Worte:




8 Kommentare:
Wunderbar geschrieben!
Danke.
Hmmm, schön geschrieben... man kann sich richtig in die Situation hineindenken. Und dann noch das Foto dazu...
Ich liebe diese Winterlandschaften. Wenn der Lärm der Zivilisation nahezu verstummt, diese riesigen weißen Flächen, evtl. noch das Knirschen des Schnees und ein wunderschöner Sternenhimmel (zumindest bei ausreichender Entfernung zur Stadt).
Ja das sind für mich wahrhaft traumhafte Momente! Danke!
gruß
Freut mich, dass es gefällt. In der Tat sind diese Abende etwas ganz beonderes. Zumal die Kombination aus geschlossener Schneedecke, Vollmond und sternenklarem Himmerl doch Seltenheitswert hat.
Super geschrieben! Erinnert mich an meinen Ansitz vom Samstag abend, einfach unvergessliche Momente, zumal ich noch einen starken Rüden erlegen konnte :)
Waidmannsheil!
Ja da muss ich jetzt auch mal wahrlich gestehen das genau diese Abende was ganz besonderes sind ohne jegliche Absicht ein Stück Wild zu erlegen,einfach nur die Stille geniessen unterbrochen vom Waldkauz und Waldohreulen Gesang......die klare kalte Winterluft der Prachtvolle Sternenhimmel mit dazu ein Pfeifchen zu rauchen und alles auf sich einwirken lassen,ja das sind genau die Momente die nur die wenigsten Menschen auf dieser hektischen Erde noch erleben dürfen und zu den Menschen gehören wir so wie wir uns als Interessensvwerwandte hier treffen um diese schönen Berichte hier zu lesen und uns auszutauschen.
Toller Blog hier Hunsrückwilderer Gratulation !!!
Waidmannsheil Wolfgang
Wahre Worte! Und vielen Dank.
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