Warum geht man eigentlich wochenlang raus und sitzt sich den Hintern platt, während es in anderen Zeiten wie aus Kübeln kommt? Gerade wenn es um Sauen geht? Das wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Aber gerade das ist es auch, was das Jagen so interessant macht. Kein Tag und keine Situation gleicht der anderen.
Jedenfalls hat es wieder geklappt. Und ein Rätsel konnte ich für mich auch zumindest ansatzweise lösen. Aber dazu später mehr.
Nach dem Sturm gestern, war heute zum Glück gutes Wetter. Es lag noch ein wenig Schnee und erste Schneeflocken wirbelten bereits wieder durch die Luft, als ich mich auf ins Revier machte. So würde es auch nichts ausmachen, dass der Mond nun doch erst relativ spät aufgeht. Leider hatte die letzten beiden Tage niemand die
Kirrungen kontrollieren können. Und weil mein Auto erst gegen sechs Uhr aus der Werkstatt kam, war ich (Mal wieder) reichlich spät dran. Ehrlich gesagt: Ich war nicht nur spät, ich war eigentlich viel zu spät, denn mittlerweile war es schlicht und ergreifend schon stockdunkel.
Aber es half ja nichts, denn mein Vater wollte später auch noch raus und nach meinen Jagderfolgen der letzten Woche hätte ich ihm ein Waidmannsheil schwer gegönnt. Die
Kirrungen mussten also kontrolliert werden, so oder so, auch wenn ich mich beeilen musste. Um dabei nicht den ganzen Wald durcheinander zu machen, entschied ich mich kurzerhand, so weit es ging mit dem Auto vorzufahren.
An der
Kirrung, an der ich schon den letzten
Frischling geschossen hatte, verriet die Wilduhr, dass die Wutzen zuletzt am Montagabend um halb neun da gewesen waren. "Blöd", dachte ich. "Jetzt war gestern niemand gucken und womöglich haben sie sich jetzt umgestellt". Ausserdem machte ich mir angesichts des frühen Erscheinens arge Sorgen um meinen Zeitplan. Mittlerweile war es nämlich schon halb acht. Also war Beeilung angesagt.
Nachdem ich den Rest erledigt hatte, parkte ich mein Auto und machte mich
pirschend in Richtung Sitz. Mein Gott, was ist richtiges
Pirschen anstrengend. Wenige Meter werden zu schier unüberwindbaren Strecken. Aber nur so kommt man wirklich lautlos voran. Zentimeterweise schob ich mich vorwärts. Schauend...lauschend... Ich musste schliesslich damit rechnen, dass die Wutzen jeden Moment kommen würden, oder aber schon da sein könnten. Der weiche Schnee half mir, mich leise bis zum Sitz zu schaffen: Alles war ruhig.
So setzte ich mich an. Der Wind passte. Die offene Leiter "Hinter Herwersch" steht schön, wenn nur die Schneise etwas geräumiger ausfallen würde. Tja, das leidliche Lied der
Kirrungsjagd - man kann eben nicht alles haben. Leise Ungewissheit machte sich breit: Ob das hier wirklich Aussicht auf Erfolg hatte?
Kurzum: Ich musste nicht lange warten. Gegen neun Uhr war laut und deutlich das Knurren eines Stück
Schwarzwildes zu hören. Und zwar in unmittelbarer Nähe! Warum hört man Sauen eigentlich Mal kilometerweit an
wechseln und das andere Mal stehen sich plötzlich wie von Geisterhand vor einem? Nun, vielleicht hatte sie der Schuss beim letzten Mal vorsichtig werden lassen.
Anhand der Geräusche war jedenfalls auszumachen, dass es sich nicht nur um ein Stück handelte. Auf der anderen Seite der Schneise hörte man ein Stück deutlich
blasen. Dann wieder Stille... Da! Ein leises Quieken. Jetzt bloß keinen Mucks machen. Mein Puls ging ein bisschen schneller. Der Wind stand nicht 100%ig optimal. Hatten sie mich gewittert? In Zeitlupe geht die Hand zum Fernglas. "Wie ich dieses leise Rascheln meiner Jacke verdamme!!!"... Der Blick zeigt dann doch, dass ein Schwarzkittel schon am Rand der Schneise steht und die Lage sondiert. Sollte ich direkt das Gewehr nehmen? Nicht um direkt zu schiessen. Das verbot sich von selbst. Aber wenn ein passendes Stück kommt, muss es manchmal schnell gehen, um am Ende nicht die Chance zu verpassen. Allerdings schien es noch einen Moment zu dauern und ich wollte verhindern, dass mir schlussendlich der Arm lahm werden würde. Ausserdem ist mein Fernglas wenn es um Details geht dem Zielfernrohr doch überlegen. Und angesichts der Tatsache, dass hier eine größere
Rotte zu kommen schien, wollte ich erst genau die Lage sondieren.
Plötzlich sehe ich, wie eine zweite Sau die Schneise betritt. Nicht ganz stark, nicht ganz schwach. Ca. 40kg - wahrscheinlich ein
Überläufer. Dann ein drittes Stück, wesentlich stärker. Beide passen nicht. Ruhig bleiben. Abwarten. Ich würde meine Chance bekommen.
Langsam füllte sich die
Kirrung. Insgesamt sieben oder acht Sauen mussten es sein. Und dazwischen: Schwache
Frischlinge! Jetzt war der Moment gekommen, zur Waffe zu greifen. Vorsichtig geht der Griff ans Gewehr. So leise wie möglich versuche ich die Abdeckung des Zielfernrohrs abzuziehen, die ich wegen des jetzt starken Schneefalls aufgesetzt hatte. Ohne anzuschlagen lege ich die Büchse auf die Brüstung. Der Leuchtpunkt ist an. Klar und deutlich heben sich die schwarzen Wildkörper von der Schneedecke ab. Drei
Frischlinge stehen im Pulk am linken Rand der Schneise. Mit dem Zeigefinger schiebe ich lautlos den Sicherungsknopf nach oben. Die größeren haben sich rechts zusammengeschoben. Jetzt heisst es Ruhe bewahren, bis sich einer der
Frischlinge aus dem Pulk löst und freisteht. Kaum habe ich es gedacht, passiert es auch schon. In der Mitte der Schneise steht er völlig frei, allerdings spitz auf mich zu. Er dreht sich...mein Finger berührt den Abzug...ich erhöhe den Druck... Und schneller als erwartet durchbricht der Schuss die Stille der Nacht.
Die
Rotte bricht weg, ich repetiere. Im Zielfernrohr sehe ich noch ein kurzes Schlegeln, dann kehrt die Gewissheit ein: Der
Frischling liegt an Ort und Stelle mit einem sauberem Schuss. In diesem Moment macht sich bei mir stets große Erleichterung breit. Die oberste Prämisse des Jägers, sein Wild sauber, schnell und möglichst schmerzfrei zu erlegen, ist einmal mehr erfüllt.
Links der Schneise kann ich die Sauen noch einen kurzen Moment hören. Sie würden ja nicht nochmal zurückkommen?! Sicherheitshalber bleibe ich noch eine Weile halb im Anschlag, bis ich nichts mehr hören kann. Dann mache ich mich ans bergen und versorgen, wobei mir schon recht leckere Ideen im Kopf herumschwirren, was man mit diesem prima 20kg-
Frischling alles anstellen kann. Herrlich.
Schlussendlich ergibt sich jetzt auch ein klareres Bild, was beim letzten Schuss (
Die Geschichte dazu gibts hier: Ein Frischling an der Kirrung) an dieser
Kirrung passiert war, bereitete mir da doch das späte Erscheinen des damaligen
Frischlings Kopfzerbrechen. Wahrscheinlich war die erste starke Sau tatsächlich ein
Überläuferkeiler oder eine junge
Bache kurz vor dem
Frischen, die bzw. der sich von der
Rotte separiert hat. So lautlos, wie die
Rotte dieses Mal
angewechselt war, hatte ich sie vermutlich auch beim letzten Mal nicht gehört. Während seinerzeit also die einzelne Wutz die
Kirrung verließ, stand die Rotte schon kurz davor. Evtl. verließ sie die Szenerie auch wegen der Anwesenheit der anderen. Und dann betrat als erstes jener Frischling die Schneise. Dieser hat übrigens genau die gleiche Größe, wie der von heute, was diese Vermutung zumindest weiter plausibel erscheinen lässt.
