Freitag, 27. November 2009

Blöder Mist, verdammter!

Na das hatte sich doch gelohnt. Hell und nur von leichten Schleierwolken verhangen stand der wunderbare Novembermond fast senkrecht über dem Revier. Zwei lange Wochen waren seit meinem letzten Ansitz schon wieder vergangen und so hatte es mich am Abend doch noch spontan gepackt. Der Entschluss, mich an den "Berliner Schlag" zu setzen, war dabei irgendeinem undefinierbaren Gefühl entsprungen. Kräftige Böen kalten Westwinds peitschten mir ins Gesicht. Die Temperaturen hatte ich jedenfalls unterschätzt. Der Wind tat sein übriges: Bis auf ein einzelnes Stück Rehwild war über die ganze weiträumige Fläche nichts zu sehen. Vor mir Wiese, 100 Meter lang, 300 Meter breit, begrenzt vom hohen Buchen- und Eichenbestand der "Struth". Rechts von mir Weide. In meinem Rücken die kleine Hecke, die wir "Mauer" nennen, anschließend ein Stück Winterraps. Hanglage. Dann Straße. Dann der große abgeerntete Maisschlag aus dem vergangenen Sommer.

Nach etwa anderthalb Stunden blieb mein Blick beim weiträumigen Abglasen des Revierteils just im unteren Bereich dieses Maisschlags hängen. Eigentlich ließ der tiefschwarze, kontrastreiche Fleck dort oben keinen Zweifel aufkommen. Das musste eine Sau sein! Rehwild wäre auf die Entfernung von rund 400 Metern nur leidlich zu erkennen gewesen. Trotzdem war ich mir nicht ganz sicher. Nun war guter Rat teuer. Sollte es tatsächlich eine Sau sein, so standen die Chancen gut, dass sie an mir vorbei nach unten in die Eicheln wechseln würde. Aber wann? Und auf welcher Seite der "Mauer"? Und ausserdem: Standen nicht auch Eichen oberhalb des Maisschlags? Würde ich wohl angesichts des morgigen Programms ohnehin nicht die ganze Nacht bleiben? Sollte ich dann nicht einfach einen Pirschversuch unternehmen?

Die wenigen Sprossen meiner offenen Leiter waren schnell herabgestiegen. Mittlerweile waren die Wolken etwas dichter geworden, der dunkle Fleck aber immer noch zu sehen. Also Abmarsch. Der starke Wind erleichterte das Pirschen ungemein, denn er schluckte weitestgehend die von mir ausgehenden Geräusche. Trotzdem schob ich mich nur langsam voran. Alle fünf bis zehn Meter gebot ich mir kurz Einhalt und kontrolliere die Szenerie mit dem Fernglas. Nahezu unverändert steht mein dunkler Fleck auf dem Mais, nahe der Straße. Ich musste aufpassen, dass er nicht am Ende unbemerkt auf mich zuwechseln würde. Erschwerend kam hinzu, dass ich nach weiteren 20 Metern aufgrund der Geländeverhältnisse in einen toten Winkel lief und meinen Fleck plötzlich nicht mehr sah. Verdammt. Das schmeckte mir gar nicht. Aber es half ja nichts. Linker Fuß. Rechter Fuß. Pirschstock... Immer weiter....

Langsam erklomm ich den Hang. Und langsam konnte ich auch wieder mehr vom Maisschlag sehen. Nur: Mein schwarzer Fleck war nicht mehr auszumachen. Verdammt nochmal, was sollte das denn jetzt? Eben war er doch noch da. Sollte es nur eine Täuschung gewesen sein? Ein Stein? Streu? Blöder Mist. Ich sollte versuchen, ein wenig nach links zu kommen. Dort haben noch eine kleine Leiter auf der anderen Straßeseite stehen - eigens aufgestellt für Nachlese haltende Wildschweine. Also. Weiter ging es im Programm. Plötzlich sah ich wieder die Rückenlinie. Ganz klar und deutlich. Trotz der mittlerweile dichten Wolken. Es war also doch eine Sau, 70 Meter entfernt. In dem Moment blendeten Scheinwerfer meinen Blick im Fernglas. Herannahende Autos. Ich ging schnell zwei Schritte zurück, wendete den Blick ab um nicht weiter geblendet zu werden. Nachdem die Autos mich passiert hatten, hob ich direkt wieder das Fernglas an. Dort wo eben noch meine Wutz stand, herrschte nun gähnende Leere. Ich spürte ein paar Tropfen auf meinen Handflächen und beschloss, möglichst schnell zur Leiter zu gelangen, die noch 20 Meter entfernt stand. Offensichtlich spielten mir Geländeunebenheiten übel mit und ließen meine Buete immer wieder verschwinden. Der Wind und der einsetzende Regen ließen das Pirschen zu einem Kinderspiel werden. Allerdings: Mit jedem Schritt wurde der Regen stärker, die Tropfen dicker. Schon hatte ich jedoch die Leiter erreicht und erklommen.

Was dann geschah ist fast nicht in Worte zu fassen: In diesem Moment setzte sintflut- wirklich sintflutartiger Regen ein. Innerhalb von Sekunden war meine wattierte Bundeswehrhose klatschnass bis auf die Haut. Dicke Tropfen perlten von meiner Hutkrempe ab. Doch dafür hatte ich jetzt keinen Deut Aufmerksamkeit mehr übrig. Wo war die Sau? Noch ehe ich mir diese Frage zu Ende gestellt hatte, sah ich sie plötzlich mit bloßem Auge auf 30 Meter vor meinem Sitz entlangwechseln. "Das gibts doch nicht", schoß es mir durch den Kopf, als ich mein Gewehr schnellstmöglich über die Brüstung schob. Man hörte nichts mehr, nur das tosende Prasslen unendlich vieler Regentropfen. Das Zielfernrohr: nass, beschlagen. Mist! Ein hektisches Wischen mit dem Finger bringt nicht wirklich Besserung - auch die Brille ist voller Tropfen. Der Keiler verschwimmt zu einem verwaschenem und ausgefranztem Etwas. Wieder wischte ich hektisch an der Optik herum. Unterdessen trottete der Basse immer weiter. Auch ihm war es zu ungemütlich geworden hier. Da konnte ich im Zielfernrohr wieder etwas mehr erkennen. Aber der Keiler blieb stets in Bewegung. Zu schnell. Ich kam nicht hinterher. Gleich würde sie zu spitz und zu weit von mir weggezogen sein. Und jetzt? "HEY!!!" - meine letzte Chance. Ich schrie. Doch der Keiler tat mir den Gefallen nicht. Anstatt kurz zu verhoffen, ging er vom Trott in hohe Fluch über und war nicht mehr zu sehen. "Scheiße! BlöderMist, verdammter!" entfuhr es mir laut. In der Zwischenzeit hatte ich mich in einen Schwamm verwandelt. Ich, mein Gewehr, alles war triefend nass. Ich war wahnsinnig sauer und blieb noch kurze Zeit von Fassungslosigkeit wie gelähmt im Regen sitzen, bevor ich dann den Heimweg antrat.

So ist Jagd. Und ich habe ein Date an den nächsten Abenden...



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