Montag, 30. November 2009

Ab durch die Hecke

Samstag 28.11.2009. Unsere Treibjagd steht an. Letztes Jahr haben wir mit zwei Stück Rotwild, vier Sauen, drei Füchsen und einem Hasen die Rekordstrecke in den letzten 50 Jahren nach Hause gebracht - wenigstens qualitativ. Demzufolge wollten wir Jagen wie im letzten Jahr. Und entspechend hoch waren die Erwartungen an dieses Jahr. Problematisch zeichnete sich schon im Vorfeld ein Mangel an Schützen und Hunden ab. Wie immer war viel zu spät mit den Einladungen begonnen worden. Das war nun aber alles egal. Wir mussten das Beste daraus machen. Mein Jagdtag im Ticker:

06:00: Der Wecker klingelt. Auch die Vorfreude auf die Jagd lässt mich nach dem gestrigen Abend nicht aus dem Bett fallen. "Schlummermodus"...

06:20: Es hilft nichts. Ich muss raus. Duschen, Brötchen holen, frühstücken, Ausrüstung suchen. Macht sich ja alles nicht von alleine.

06:21: Beim Blick aus dem Fenster schwant mir übles: Graues, regnerisches Novemberwetter. Unangenehm zum Jagen und der Killer unserer Erfolgschancen. Die letzten Jahre haben bewiesen, dass wir eigentlich gutes Wetter für den Jagderfolg brauchen. Aber was hilft es. Da müssen wir jetzt durch.

07:45: Wechselhose? Check. Zwei Regenjacken? Check. Warnweste? Check. Wachshut? Check. Treiberstock? Check. Heckenrepetierer? Bekomme ich später von Christoph. Arbeitshandschuhe? Check. Hundel............

0800: Ich treffe meinen Vater am Frühstückstisch. Wir machen uns mit trügerischem Zweckoptimismus gegenseitig Mut. Die Brötchen sind lecker, der Kaffee auch. Trotz des Wetters freue ich mich auf diesen Tag.

08:20: Abfahrt. Mit jedem der 25 Kilometer saut sich das Wetter mehr ein. Schöne Scheiße.

08:45: Ankunft Sammelplatz. Martin, der im Revier wohnt, ist samt Sohnemann und Hund schon da. Sonst herrscht noch gähnende Leere.

08:50 Die ersten Absagen kommen. Schönwetterjäger. Wie ich es hasse. Wasserrohrbrüche und kranke Kinder um kurz vor neun. Da läuft man sich eine Woche vorher einen Kipparsch im Revier, macht sich Gedanken, markiert Stände, hat sowieso schon viel zu wenig Jäger und muss dann die riesigen Lücken in den Schützenketten noch weiter aufreissen. Unsere Erfolgschancen sinken. Zweckoptimismus weicht Zwangspessimismus.

09:05: Der Sammelplatz füllt sich. Viele bekannte Gesichter, herzliches Hallo. Alles weitere wird angesichts des immer stärker werdenden Regens ins Dorfgemeinschaftshaus verlagert.

09:10: Warum zum Teufel gibt mein Opa kein Rehwild frei? Die Sauen werden bei diesem Wetter nicht in unseren Pseudo-Dickungen stecken. Die Füchse sind im Bau. Rehwild ist das einzige, was uns den Jagdtag retten könnte. Außerdem ist der Abschussplan noch nicht erfüllt. Da wird drüber zu reden sein.

09:20: Ich habe die Rotte der von mir anzustellenden Schützen und die Treiber beisammen. Abfahrt. Die zwei Minuten Autofahrt versuche ich vergeblich zu nutzen, um in Gedanken die Löcher in der Schützenkette zu stopfen.

09:30: Die Schützen sind abmarschbereit. Ich stelle sie einzeln ab, weise ein. Keine Probleme: Die meisten kennen ihren Stand noch vom letzten Jahr.

09:45: Ziemlich abgehetzt komme ich wieder bei den Treibern an, die unterdessen gewartet hatten. Noch vor Beginn der Jagd bich ich schon ausser Atem: Na das kann ja heiter werden.

09:50: Mein Vater ruft an, wir können los.

10:00: Ab durch die Hecke! Der erste Teil des ersten Treibens soll nur Wild aus einer kleinen Fichtenschonung in das Treiben hineindrücken. Kein Tamtam. Hunde an der Leine. Ich sehe lediglich einen Hasen. Hinter den Fichten: Sammeln und Marsch zum eigentlichen Treiben. Jetzt wird es interessant. In den Brombeeren auf den ersten hundert Metern lagen letztes Jahr die Sauen. "Heeeyoooooooo". "Hunde looooos!". Weiter gehts. Aber wie befürchtet: In den Brombeeren rührt sich nichts. Zu licht, zu offen, zu ungedeckt für dieses Wetter. Im Treiben stoße ich bald auf einen frischen Sauwechsel. Sie waren also da, aber haben sich eben nicht gesteckt - wie befürchtet. Auch sonst bleibt es ruhig. Ein wenig Rehwild. Vermeintlich zwei Stück Rotwild. Gelegentlich jagen die Hunde spurlaut. Die Sauen haben heute nacht frisch gebrochen. Aber es fallen keine Schüsse. Die Treiberwehr schlägt sich hervorragend. Keiner prescht vor, keiner bleibt zurück. Gute Kommunikation. Wenistens etwas.

10:45: Nass steigen wir aus dem Wald heraus. Ich bin demoralisiert. Bis zu letzt glaubt man ja noch an ein Wunder. Wenn man es dann aber live miterlebt, wie die Jagd ins Wasser fällt, ist das schon sehr bitter.

11:00:Nach einer kurzen Besprechung geht es weiter zum zweiten Treiben. Diesmal habe ich keine Schützen anzustellen. Ich nutze die Zeit, um die Treiber einzuweisen. Das zweite Treiben verläuft etwas komplizierter mit drei Richtungswechseln. Ob es was bringt? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

11:20: Kommando Los! Zu Anfang liegt wieder eine kleine Fichtenschonung, die nur behutsam durchgedrückt wird. Ich spüre gar kein Wild. Jetzt geht es in den aussichtsreichsten Teil des Tages. Südhanglage, Buchenrauschen, Brombeeren. Auch hier ist es sehr licht, aber wenn heute etwas geht, dann hier. "Heeeyyyooooooo". Die Treiber habe ihre Motivation noch nicht verloren. Die Hunde beginnen zu jagen. Plötzlich knallen zwei Schüsse. Schlagartig ist das Adrenalin da, die Stimmungskurve schnellt nach oben. Leider war es das dann aber auch. Mittlerweile hat es sich so richtig eingesaut. Nässe von allen Seiten. Unten, oben, links und rechts. Die Klamotten kleben bleischwer am Körper. Das Heruntertrampeln der Brombeeren wird immer beschwerlicher. Die Handschuhe sind zerissen, in den Beinen hängen Stacheln, der Treiberstock wird nach und nach von den Schlägen gegen die Bäume aufgefressen

11:55: Fertig. Das Treiben, ich selbst. Der das Abblasen ersetzende Telefonanruf ergibt, dass mein Vater einen Hasen vorbeigeflämmt hat. Wir beschließen, das weitere Vorgehen bei einer Mittagspause im Dorfgemeinschaftshaus zu besprechen. Die Mittagspause mit Blut- und Fleichswurst im Ring findet sonst immer am Feuer im Revier statt. Bei diesem Wetter undenkbar.

12:10: Trockene Klamotten am Körper! Ich bin wahnsinnig froh, an eine zweite Garnitur Klamotten gedacht zu haben. Wurst, Weck und Wein geben neuen Mut. Nur das Wetter will sich nicht bessern und auch die Schützen haben im Regen gelitten. Wir kommen überein, dass wir das Schüsseltreiben vorziehen und den Verlauf des Wetters abwarten. Für den Fall einer Besserung würden wir dann eben später noch einmal los.

13:00 Heiße Kartoffelwurst mit Sauerkraut und Wasserweck. Ein Gedicht.

13:30 Eine gemütliche Runde sitzt da beisammen und klönt, erzählt Witze und Jagdgeschichten. Mittlerweile ist das Wetter zur Nebensache geworden. Ohnehin glaubt niemand mehr so richtig daran, dass es sich wirklich noch bessern könnte. Aber so wirklich schlimm ist das jetzt gar nicht mehr.

14:00 Langsam herrscht Aufbruchstimmung. C'etait ca. Jagd vorbei. Halali.

Was will man machen?



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